Nachtrag: Almaty – Turkistan – Shymkent – Almaty (12. – 15. März)

 

Vorwort:

 

Das hat jetzt aber gedauert mit dem Reisebericht. Grosse Entschuldigung meinerseits, aber es wird vermutlich nicht das letzte Mal gewesen sein (so wie ich mich kenne).

Hoffentlich trotzdem viel Spass beim Lesen…

Der Reisebericht

Wie gesagt verschwindet Marlies in weniger als einem Monat, darum müssen wir jetzt noch die verbleibende Zeit zum Reisen ausnutzen.

Das hatten wir vorletztes Wochenende auch schon erfolgreich angefangen.

Marlies hatte unsere Zugtickets nach Turkistan (nicht zu verwechseln mit Turkmenistan) gekauft und Donnerstagabend (12. März) um 20 Uhr ging es dann los.

Man muss noch anmerken: die Tickets kosten etwa (und wir haben noch zusätzlich 2 Euro Kommission gezahlt, weil wir sie nicht am Bahnhof gekauft hatten) 7 Euro für eine 17stündige Zugfahrt!

Wo bleiben da die Verhältnisse? Im Vergleich: Für eine warme Mahlzeit (Reis oder Pommes Frites mit Fleisch) und Getränk im Restaurant zahle ich in Almaty etwa das gleiche.

Die kasachische Eisenbahn muss subventioniert sein wie kein zweites Unternehmen auf der Welt.

(Wenn die Deutsche Bahn das wüsste, würde sie grün werden vor Neid.)

Wir hatten uns ordentlich mit Essen und Trinken eingedeckt, liessen unsere Pässe (ohne Pass geht gar nichts) und Tickets vom Kondikteur kontrollieren und stiegen ein.

In unserem Abteil: Eine Babuschka (also Grossmutter) mit einer Enkelin auf dem Schoss (aber es sollten noch mehr werden) und zwei jungsche Typen (unser Alter). Die musterten uns auch gleich ganz interessiert, brauchten aber noch ca. 20min bis sich der eine traute, uns mal anzusprechen.

Das übliche „wo kommt ihr her“, „was macht ihr“ folgte.

Nach einer Weile kam der Zugwagonsleiter vorbei (so wollen wir ihn in Ermanglung einer adäquateren Bezeichnung mal nennen) und verteilte „Bettbezüge“.

Alle fingen an ihr Bett zu machen. Auch ich packte die beiden Leintücher aus und versuchte eins über die Matratze zu legen, scheiterte jedoch kläglich. Irgendwie war das gemeine Leintuch einfach zu kurz. Ich zog und zog und es wurde nicht länger und ich war schon überzeug dass es in der Wäsche eingegangen war. Versuchte es mit dem anderen Tuch, aber das war genauso hoffnungslos. Nun gut, dachte ich mir, die einfache Aufgabe zu erst: Kissen beziehen. (So was kann ich!)

Ich quetschte ganz erfolgreich das Kissen in den Bezug, als der Stillere der beiden Jungs zu mir trat, mir das Kissen aus der Hand nahm, mich etwas missbilligend musterte und noch mal ordentlich den Kissenbezug arrangierte. (Zugegeben, er machte das etwas eleganter als ich.) Danach schob er mich zur Seite und, darf man es glauben, fing an auch noch mein Bett zu beziehen.

Innerlich hab ich nur lachen können, aber äusserlich stand ich da sehr verlegen mit dem Kissen in der Hand und hab permanent nur „Spasiba“ (also Danke) vor mich hingemurmelt.

Es war wirklich lustig. Der Junge wird sich bestimmt geschworen haben, nie ein Mädchen aus dem Westen zu heiraten: die sind ja wirklich komplett nutzlos im Haushalt.

Jedenfalls schaffte er es auf magische Art und Weise das Leinentuch doch noch über die ganze Länge der Matratze zu ziehen und platzierte dann auch ganz galant das Kissen.

Es lebe die kasachische Haushaltschulung.

Der andere Typ, Gate, so stelle sich heraus, konnte ein bisschen Englisch und so haben wir dann den Rest des Abends in einer Mischung aus English und Russisch geredet.

Ich hatte den Fehler gemacht, den Jungs meine Schokoladenplätzchenpackung in die Hand zu drücken und ihnen zu sagen, sie können sich gerne bedienen (wegen meiner tief empfunden Dankbarkeit fürs Bettbeziehen) – die Packung war natürlich innerhalb von 10min leer.

Beim Rauchen entdeckte Gate dann leider auch meine speziellen super Schweizer Zigaretten und war so angetan, dass er mich etwa eine viertelstundelang überredete, bis ich ihm das Päckchen überliess – wenigstens im Austausch gegen ein Päckchen Parliament.

Irgendwie kam es wie es kommen musste: und wir landeten in einer Diskussion über den Islam. Er wollte mich überzeugen, dass der Islam den 11. September vorausgesagt hätte und ein wissenschaftliches Buch sei und ich hab ihm erklärt das ist völliger Quatsch. War sehr lustig, obwohl wir beide bedauert haben, dass wir die Sprache des anderen nicht besser verstehen und reden können.

Um Mitternacht war Zapfenstreich (sprich Licht aus) und danach konnte man sich eigentlich nur noch ins Bett legen. Marlies meinte noch so, ich solle ihr Bescheid sagen wenn ich ein Kamel sehen würde und ich hab nur gelacht (in der naiven Annahme, es wäre ein Scherz gewesen).

Die Nacht selber war nicht die angenehmste. Obwohl wir keine Abteiltür hatten (Platzkart ist Grossraumwagen) war es grässlich heiss und stickig. Dazu kam dann noch ein schreiendes Baby, was uns bestimmt drei mal aufweckte.

Aber hey, die Matraze war bequem.

Am nächsten Morgen standen wir (alle weiblichen Gäste des Abteils) um etwa 9 Uhr auf, die Jungs schliefen weiter bis 12.

Wir kamen dann auch mal mit der Grossfamilie ins Gespräch. Da war die Babuschka, etwa 3 Töchter und schätzungsweise 8 Enkelinnen (eins davon der kleine Schreihals).

Die kleinen Mädchen waren wirklich niedlich aber leider auch völlig begeistert von meinem iPod. Wir haben damit meine Mama in der Schweiz angerufen (auf Russisch natürlich…weiss nicht, ob du das mitbekommen hast, Mama?) J und ich hab sie die deutschen Nachrichten hören lassen. Fanden sie toll.

Mein schweigsamer talentierter Bettbezieher in der Not entdeckte irgendwann auch meinen iPod und wollte „auch mal“. Weil er schliesslich mein Bett gemacht hatte, hab ich ihn hören lassen.

Weil ich nun nix mehr zu tun hatte, schaute ich ein bisschen aus dem Fenster auf die endlose Steppe: da seh ich plötzlich in der Ferne eine Herde…Kamele. Ich dachte, mich trifft der Schlag.

Habe natürlich gleich nach Marlies gebrüllt und feststellen müssen, dass ihre Bemerkung am Abend davor anscheinend kein Witz gewesen war. So kann man sich täuschen.

Gegen zwei Uhr kamen wir in Turkistan an. Die Jungs, die noch weiter fahren mussten, geleiteten uns feierlich zur Tür, erklärten uns noch den Weg ins Stadtzentrum, Küsschen, Küsschen und wir gingen los.

Als erstes gingen wir zum Автовокзал (Busbahnhof) weil wir eigentlich vorgehabt hatten, am gleichen Abend noch weiter nach Shymkent zu fahren. Die letzte Fahrt wäre aber schon zwei Stunden später gewesen, darum entschieden wir uns fürs Dableiben.

Das Hotel (von Lonelyplanet empfohlen als „the best place in town&ldquo war recht leicht zu finden. Ein riesen Kasten im Zentrum der Stadt. (Und Zentrum klingt wesentlich aufregender als es ist.)

Im Grund genommen besteht Turkistan aus etwa zwei mal zwei wichtigen Strassen.

Die eine Strasse zieht sich ca. 5 Kilometer vom Bahnhof bis zum „Zentrum“ (einem grossen Platz direkt neben unserem Hotel) und dazu gibt’s eine halbwegswichtige Parallelstrasse (da waren die Restaurants) und zwei Querstrassen (um von der Hauptstrasse zur halbwegswichtigen Parallelstrasse zu kommen, selbstmurmelnd).

Um noch mal auf das Hotel zurück zukommen: Die Lobby war erschreckend luxuriös, aber der Preis für ein Doppelzimmer für eine Nacht hielt sich wirklich in Grenzen. Wir haben pro Nase etwa 12 Euro bezahlt. Leider war das ganze ohne (eigentlich inkl.) Frühstück, weil man sich grad im Umbau befand.

Ausser uns war auch kaum jemand da.

Das Zimmer selber war in Ordnung: grosses Bad, kleiner Kühlschrank, Balkon und Fernseher. Der Fernseher ging nicht an und als ich meine technischen Fähigkeiten unter Beweis stellen wollte und ihn mal ganz vorsichtig umdrehte, fiel ein Stecker raus. (nicht meine Schuld, wirklich nicht. Das Ding war eh vorher schon kaputt). Der Kühlschrank rührte sich nicht (obwohl die Steckdose funktionierte) und die Dusche im Bad hatte etwa soviel Druck und Wasser wie eine Kindergiesskanne.

Ansonsten aber wirklich sehr gemütlich.

Wir packten aus, machten uns menschlich (nach der 17stündigen Zufahrt) und gingen nach draussen.

Das Wetter war fantastisch – man konnte sogar im T-Shirt rumlaufen. Da soll mal einer sagen, in Kasachstan wäre es immer kalt.

Zunächst gingen wir zu einer anscheinenden recht berühmten Moschee (wo wir uns pro forma den Schal übers Haupt legen mussten…eigentlich war das ein Witz, weil manche Frauen grade mal mit so was wie einem Stirnband da reinmarschiert sind).

Die Moschee (sowie die meisten anderen Sehenswürdigkeiten dort) lag in einem Feld, ca. 200-400m von unserem Hotel entfernt.

Ja, erst die Moschee, dann eine Mauer, dann eine Banja, dann ein „Museum“ und dann an den nicht existenten Rosengärten zur „Prachtallee“, wo man sich religiöse Souvenirs hätte kaufen können. (Gebetsteppiche, die neuste Auflage des Korans und was man sonst noch so braucht.)

Weil hungrig, gingen wir ins wahrscheinlich teuerste Restaurant der Stadt (auch von Lonelyplanet empfohlen) und liessen es uns für je 3 Euro so richtig gut gehen.

Man gewöhnt sich einfach zu leicht an solche Preise.

Kleiner Verdauungsspaziergang, dann „Mädchenabend“ im Hotelzimmer und um 23 Uhr waren wir so erledigt, dass wir nur noch schlafen wollten.

Am nächsten Morgen um 9 Uhr fuhr der Bus nach Shymkent.

Wir waren drei Stunden über gar nicht mal so katastrophale Strassen unterwegs und es war doch ziemlich spannend. Am Anfang war halt nur Steppe und vereinzelte Dörfer. Irgendwie sitzen in diesen Dörfer die Männer immer nur in typischer Hockestellung in Gruppen am Boden…und die Frauen laufen ganz geschäftig hin und her und organisieren das Leben.

Ab und an sah man Gräber am Strassenrand und hin und wieder einen kleinen Friedhof. Relativ häufig kamen wir an Schafherden (plus Hirte) vorbei, manchmal an Kuhherden oder Pferden (ohne Hirte). Die ganze Zeit über war ich aber schockiert über den Abfall der links und rechts von der Strasse lag. Colaflaschen, Wasserflaschen, Plastiktüten, wirklich alles. Und durch den Wind und die Ebene wird das auch schön gleichmässig über’s Land verteilt.

Der Boden war überall ziemlich ausgedörrt, was wohl an der Nähe zum Aral(jetzt nicht mehr)see liegt.

Irgendwann wurde die Landschaft hügeliger (ich, der Bergbewohner, atmete auf) und wir kamen nach Shymkent.

Dort mussten wir erstmal zum Bahnhof, um uns ein Rückfahrttickets nach Almaty zu holen. Leider war unser ursprünglich geplanter Zug schon komplett ausverkauft und in dem Zug zwei Stunden später gab es auch keine„Platzkart“ mehr. Wir bekamen darum leider nur noch teurere Tickets (und dachten, wir würden also 2. Klasse reisen).

Nach dem wir das erledigt hatten, hatten wir auch schon wieder Hunger und gingen in den „Biergarten“ neben an. Eigentlich hätten wir ganz gerne Schaschlik mit „Kartofel Fri“ (also Pommes) gehabt. Das ging aber leider nicht, weil die in der Küche nicht ganz so flexibel waren, und Kartofel Fri nur mit Frikadellen servieren wollten.

Nach dem Essen ging’s zum berühmten (?!) Markt von Shymkent. Halbüberdacht, bundgemischt mit „Kleider-Sektionen“, Gemüse, Obst, Süssigkeiten, Sonnenbrillen, Fisch und Fleisch.

Wir haben beide je eine Sonnenbrille sowie ein russisches Tuch mit Blümchen erstanden.

Der Rest des Tages verlief interessant, aber nicht wirklich erzählenswert. Wir sind nach dem Markt noch eine Weile durch die Gegend gelaufen, um sozusagen das richtige „Shymkent-Feeling“ zu bekommen, gingen noch in ein von Lonely Planet empfohlenes Café, und erlebten da (Café-unabhängig) einen enormen Schreck als wir das erste mal unsere Zugtickets richtig anschauten.

Da stand nun beim Abschnitt für „Klasse“ ein „O“. Laut Lonelyplanet (ich mache hier keine Schleichwerbung oder so) übersetzt sich das mit: unreservierte Holzklasse.

Wir schluckten. Ich sah uns schon vor meinem inneren Augen in einem Wagon mit lauter Holzbänken, eingeklemmt zwischen Bauern und ihren Hühnern, für 17 Stunden.

Wir waren den Tränen nahe.

Nachdem sich die erste Lähmung gelegt hatte, kamen wir ins Grübeln: warum hatten wir mehr gezahlt (als für die Hinfahrt, obwohl die Strecke ja kürzer sein musste,) und trotzdem eine Klasse schlechter bekommen? Hatte man uns übers Ohr gehauen?

Nach eingehendem Studium der Fahrkarten kamen wir zufolgendem Schluss: unreserviert kann nicht sein, weil wir Sitzkartennummern haben…und es handelt sich um den „Schnellzug“, also „nur“ 12 Stunden Fahrt. (Darum auch teurer). 12 Stunden zwischen Hühnern ist nicht so schlimm wie 17 Stunden.

Wir waren ein klein wenig beruhigter, und gottseidank zu recht.

Als wir nämlich etwa zwei Stunden später in den Zug einstiegen, waren wir zwar in einem Sitzabteil (also kein horizontales Schlafen), aber das war nach 1. Klassestandards konzipiert. Breite Sitze, verstellbar, Decken vorhanden.

Glück gehabt!

Was lernen wir daraus? Man sollte sich sein Zugticket beim Kauf immer genau anschauen!

Die Fahrt selber war unspektakulär. Nach kasachischer Sitte gab es natürlich auch hier mehrere Fernseher und es lief irgendeine kasachische Comedy-Sendung (auf kasachisch) in dröhnender Lautstärke (auch typisch kasachisch).

Am nächsten Tag kamen wir gegen 10 Uhr in Almaty an… und das wars schon.  

Um die Reise noch mal kurz zusammenzufassen und zu „evaluieren“:  

Donnerstagabend 20 Uhr Abfahrt, Sonntagmorgen 10 Uhr Ankunft: das macht insgesamt 62h (wenn ich mich jetzt nicht verrechnet habe). Davon waren 17+3+12 Stunden reines Reisen, also ein bisschen über 50 %. Die restliche Zeit haben wir mit 15 % Busstation/ Bus/ Zugstation/ Hotel etc. finden verbracht, 10 % mit Essen, 5 % Lonelyplanet lesen, ca. 8 % nicht im Reisen einbegriffene Schlafzeit: Insgesamt 12% war also reines „Sightseeing“ und Touristenkram.

Das klingt wie eine recht mickrige Bilanz, aber eigentlich war es das nicht.

Man lernt beim Zufahren doch wesentlich mehr über das Land und die Leute als man das sonst wo könnte. Darum, für alle die mal eine Reise nach Zentralasien geplant haben (ich denke da an eine gewisse Familie Knöfel): Zugfahren is cool.

(Dh, wenn man die Hygienestandards mal ausser Acht lässt.)

Hierzu noch eine kleine Beobachtung zum Schluss:

Wer Platzkart reist, verbringt idR über 12h auf engstem Raum mit zig Leuten: Privatsphäre kann man sich da natürlich abschminken. Das ist für jemanden aus dem Westen eine ziemlich interessante Erfahrung (wie gesagt, wegen dem Leute kennen lernen und der inklusiven Kulturstudie) aber es ist vermutlich nichts, was sich bei uns jemals durchsetzten könnte.

Man merkt schon den krassen Mentalitätsunterschied: die meisten Leute hier sind Grossfamilien gewöhnt (Grosseltern, Eltern, Kinder alle unter einem Dach) und wir haben einfach mehr die Kultur von „jedes Kind braucht sein eigenes Zimmer“. Ich behaupte mal ganz kühn: die meisten aus dem „Westen“ würden einen Koller kriegen, wenn sie regelmässig auf diese Art und Weise reisen müssten.

Übertreiben wir es manchmal mit unserer Privatsphäre oder wären beispielsweise die Kasachen auch viel mehr Privatsphäre-orientiert, wenn sie denn nur die Möglichkeit dazu hätten?

Um meine Aussage von oben also in Frage zu stellen: ist das Bedürfnis nach Privatsphäre wirklich eine Sache der Kultur/Mentalität oder einfach nur der Möglichkeiten?

Mit dieser offenen Frage (die hoffentlich jeden in tiefes Nachdenken verfallen lässt) möchte ich mich verabschieden und allen noch eine geruhsame Nacht und eine schöne nächste Woche wünschen.

Ich freue mich, Sie alle bald wieder auf lenscheblog.de begrüssen zu dürfen!

Alles Liebe,

Eure Lena

 

30.3.09 07:09

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