Nachtrag: Almaty – Turkistan – Shymkent – Almaty (12. – 15. März)

 

Vorwort:

 

Das hat jetzt aber gedauert mit dem Reisebericht. Grosse Entschuldigung meinerseits, aber es wird vermutlich nicht das letzte Mal gewesen sein (so wie ich mich kenne).

Hoffentlich trotzdem viel Spass beim Lesen…

Der Reisebericht

Wie gesagt verschwindet Marlies in weniger als einem Monat, darum müssen wir jetzt noch die verbleibende Zeit zum Reisen ausnutzen.

Das hatten wir vorletztes Wochenende auch schon erfolgreich angefangen.

Marlies hatte unsere Zugtickets nach Turkistan (nicht zu verwechseln mit Turkmenistan) gekauft und Donnerstagabend (12. März) um 20 Uhr ging es dann los.

Man muss noch anmerken: die Tickets kosten etwa (und wir haben noch zusätzlich 2 Euro Kommission gezahlt, weil wir sie nicht am Bahnhof gekauft hatten) 7 Euro für eine 17stündige Zugfahrt!

Wo bleiben da die Verhältnisse? Im Vergleich: Für eine warme Mahlzeit (Reis oder Pommes Frites mit Fleisch) und Getränk im Restaurant zahle ich in Almaty etwa das gleiche.

Die kasachische Eisenbahn muss subventioniert sein wie kein zweites Unternehmen auf der Welt.

(Wenn die Deutsche Bahn das wüsste, würde sie grün werden vor Neid.)

Wir hatten uns ordentlich mit Essen und Trinken eingedeckt, liessen unsere Pässe (ohne Pass geht gar nichts) und Tickets vom Kondikteur kontrollieren und stiegen ein.

In unserem Abteil: Eine Babuschka (also Grossmutter) mit einer Enkelin auf dem Schoss (aber es sollten noch mehr werden) und zwei jungsche Typen (unser Alter). Die musterten uns auch gleich ganz interessiert, brauchten aber noch ca. 20min bis sich der eine traute, uns mal anzusprechen.

Das übliche „wo kommt ihr her“, „was macht ihr“ folgte.

Nach einer Weile kam der Zugwagonsleiter vorbei (so wollen wir ihn in Ermanglung einer adäquateren Bezeichnung mal nennen) und verteilte „Bettbezüge“.

Alle fingen an ihr Bett zu machen. Auch ich packte die beiden Leintücher aus und versuchte eins über die Matratze zu legen, scheiterte jedoch kläglich. Irgendwie war das gemeine Leintuch einfach zu kurz. Ich zog und zog und es wurde nicht länger und ich war schon überzeug dass es in der Wäsche eingegangen war. Versuchte es mit dem anderen Tuch, aber das war genauso hoffnungslos. Nun gut, dachte ich mir, die einfache Aufgabe zu erst: Kissen beziehen. (So was kann ich!)

Ich quetschte ganz erfolgreich das Kissen in den Bezug, als der Stillere der beiden Jungs zu mir trat, mir das Kissen aus der Hand nahm, mich etwas missbilligend musterte und noch mal ordentlich den Kissenbezug arrangierte. (Zugegeben, er machte das etwas eleganter als ich.) Danach schob er mich zur Seite und, darf man es glauben, fing an auch noch mein Bett zu beziehen.

Innerlich hab ich nur lachen können, aber äusserlich stand ich da sehr verlegen mit dem Kissen in der Hand und hab permanent nur „Spasiba“ (also Danke) vor mich hingemurmelt.

Es war wirklich lustig. Der Junge wird sich bestimmt geschworen haben, nie ein Mädchen aus dem Westen zu heiraten: die sind ja wirklich komplett nutzlos im Haushalt.

Jedenfalls schaffte er es auf magische Art und Weise das Leinentuch doch noch über die ganze Länge der Matratze zu ziehen und platzierte dann auch ganz galant das Kissen.

Es lebe die kasachische Haushaltschulung.

Der andere Typ, Gate, so stelle sich heraus, konnte ein bisschen Englisch und so haben wir dann den Rest des Abends in einer Mischung aus English und Russisch geredet.

Ich hatte den Fehler gemacht, den Jungs meine Schokoladenplätzchenpackung in die Hand zu drücken und ihnen zu sagen, sie können sich gerne bedienen (wegen meiner tief empfunden Dankbarkeit fürs Bettbeziehen) – die Packung war natürlich innerhalb von 10min leer.

Beim Rauchen entdeckte Gate dann leider auch meine speziellen super Schweizer Zigaretten und war so angetan, dass er mich etwa eine viertelstundelang überredete, bis ich ihm das Päckchen überliess – wenigstens im Austausch gegen ein Päckchen Parliament.

Irgendwie kam es wie es kommen musste: und wir landeten in einer Diskussion über den Islam. Er wollte mich überzeugen, dass der Islam den 11. September vorausgesagt hätte und ein wissenschaftliches Buch sei und ich hab ihm erklärt das ist völliger Quatsch. War sehr lustig, obwohl wir beide bedauert haben, dass wir die Sprache des anderen nicht besser verstehen und reden können.

Um Mitternacht war Zapfenstreich (sprich Licht aus) und danach konnte man sich eigentlich nur noch ins Bett legen. Marlies meinte noch so, ich solle ihr Bescheid sagen wenn ich ein Kamel sehen würde und ich hab nur gelacht (in der naiven Annahme, es wäre ein Scherz gewesen).

Die Nacht selber war nicht die angenehmste. Obwohl wir keine Abteiltür hatten (Platzkart ist Grossraumwagen) war es grässlich heiss und stickig. Dazu kam dann noch ein schreiendes Baby, was uns bestimmt drei mal aufweckte.

Aber hey, die Matraze war bequem.

Am nächsten Morgen standen wir (alle weiblichen Gäste des Abteils) um etwa 9 Uhr auf, die Jungs schliefen weiter bis 12.

Wir kamen dann auch mal mit der Grossfamilie ins Gespräch. Da war die Babuschka, etwa 3 Töchter und schätzungsweise 8 Enkelinnen (eins davon der kleine Schreihals).

Die kleinen Mädchen waren wirklich niedlich aber leider auch völlig begeistert von meinem iPod. Wir haben damit meine Mama in der Schweiz angerufen (auf Russisch natürlich…weiss nicht, ob du das mitbekommen hast, Mama?) J und ich hab sie die deutschen Nachrichten hören lassen. Fanden sie toll.

Mein schweigsamer talentierter Bettbezieher in der Not entdeckte irgendwann auch meinen iPod und wollte „auch mal“. Weil er schliesslich mein Bett gemacht hatte, hab ich ihn hören lassen.

Weil ich nun nix mehr zu tun hatte, schaute ich ein bisschen aus dem Fenster auf die endlose Steppe: da seh ich plötzlich in der Ferne eine Herde…Kamele. Ich dachte, mich trifft der Schlag.

Habe natürlich gleich nach Marlies gebrüllt und feststellen müssen, dass ihre Bemerkung am Abend davor anscheinend kein Witz gewesen war. So kann man sich täuschen.

Gegen zwei Uhr kamen wir in Turkistan an. Die Jungs, die noch weiter fahren mussten, geleiteten uns feierlich zur Tür, erklärten uns noch den Weg ins Stadtzentrum, Küsschen, Küsschen und wir gingen los.

Als erstes gingen wir zum Автовокзал (Busbahnhof) weil wir eigentlich vorgehabt hatten, am gleichen Abend noch weiter nach Shymkent zu fahren. Die letzte Fahrt wäre aber schon zwei Stunden später gewesen, darum entschieden wir uns fürs Dableiben.

Das Hotel (von Lonelyplanet empfohlen als „the best place in town&ldquo war recht leicht zu finden. Ein riesen Kasten im Zentrum der Stadt. (Und Zentrum klingt wesentlich aufregender als es ist.)

Im Grund genommen besteht Turkistan aus etwa zwei mal zwei wichtigen Strassen.

Die eine Strasse zieht sich ca. 5 Kilometer vom Bahnhof bis zum „Zentrum“ (einem grossen Platz direkt neben unserem Hotel) und dazu gibt’s eine halbwegswichtige Parallelstrasse (da waren die Restaurants) und zwei Querstrassen (um von der Hauptstrasse zur halbwegswichtigen Parallelstrasse zu kommen, selbstmurmelnd).

Um noch mal auf das Hotel zurück zukommen: Die Lobby war erschreckend luxuriös, aber der Preis für ein Doppelzimmer für eine Nacht hielt sich wirklich in Grenzen. Wir haben pro Nase etwa 12 Euro bezahlt. Leider war das ganze ohne (eigentlich inkl.) Frühstück, weil man sich grad im Umbau befand.

Ausser uns war auch kaum jemand da.

Das Zimmer selber war in Ordnung: grosses Bad, kleiner Kühlschrank, Balkon und Fernseher. Der Fernseher ging nicht an und als ich meine technischen Fähigkeiten unter Beweis stellen wollte und ihn mal ganz vorsichtig umdrehte, fiel ein Stecker raus. (nicht meine Schuld, wirklich nicht. Das Ding war eh vorher schon kaputt). Der Kühlschrank rührte sich nicht (obwohl die Steckdose funktionierte) und die Dusche im Bad hatte etwa soviel Druck und Wasser wie eine Kindergiesskanne.

Ansonsten aber wirklich sehr gemütlich.

Wir packten aus, machten uns menschlich (nach der 17stündigen Zufahrt) und gingen nach draussen.

Das Wetter war fantastisch – man konnte sogar im T-Shirt rumlaufen. Da soll mal einer sagen, in Kasachstan wäre es immer kalt.

Zunächst gingen wir zu einer anscheinenden recht berühmten Moschee (wo wir uns pro forma den Schal übers Haupt legen mussten…eigentlich war das ein Witz, weil manche Frauen grade mal mit so was wie einem Stirnband da reinmarschiert sind).

Die Moschee (sowie die meisten anderen Sehenswürdigkeiten dort) lag in einem Feld, ca. 200-400m von unserem Hotel entfernt.

Ja, erst die Moschee, dann eine Mauer, dann eine Banja, dann ein „Museum“ und dann an den nicht existenten Rosengärten zur „Prachtallee“, wo man sich religiöse Souvenirs hätte kaufen können. (Gebetsteppiche, die neuste Auflage des Korans und was man sonst noch so braucht.)

Weil hungrig, gingen wir ins wahrscheinlich teuerste Restaurant der Stadt (auch von Lonelyplanet empfohlen) und liessen es uns für je 3 Euro so richtig gut gehen.

Man gewöhnt sich einfach zu leicht an solche Preise.

Kleiner Verdauungsspaziergang, dann „Mädchenabend“ im Hotelzimmer und um 23 Uhr waren wir so erledigt, dass wir nur noch schlafen wollten.

Am nächsten Morgen um 9 Uhr fuhr der Bus nach Shymkent.

Wir waren drei Stunden über gar nicht mal so katastrophale Strassen unterwegs und es war doch ziemlich spannend. Am Anfang war halt nur Steppe und vereinzelte Dörfer. Irgendwie sitzen in diesen Dörfer die Männer immer nur in typischer Hockestellung in Gruppen am Boden…und die Frauen laufen ganz geschäftig hin und her und organisieren das Leben.

Ab und an sah man Gräber am Strassenrand und hin und wieder einen kleinen Friedhof. Relativ häufig kamen wir an Schafherden (plus Hirte) vorbei, manchmal an Kuhherden oder Pferden (ohne Hirte). Die ganze Zeit über war ich aber schockiert über den Abfall der links und rechts von der Strasse lag. Colaflaschen, Wasserflaschen, Plastiktüten, wirklich alles. Und durch den Wind und die Ebene wird das auch schön gleichmässig über’s Land verteilt.

Der Boden war überall ziemlich ausgedörrt, was wohl an der Nähe zum Aral(jetzt nicht mehr)see liegt.

Irgendwann wurde die Landschaft hügeliger (ich, der Bergbewohner, atmete auf) und wir kamen nach Shymkent.

Dort mussten wir erstmal zum Bahnhof, um uns ein Rückfahrttickets nach Almaty zu holen. Leider war unser ursprünglich geplanter Zug schon komplett ausverkauft und in dem Zug zwei Stunden später gab es auch keine„Platzkart“ mehr. Wir bekamen darum leider nur noch teurere Tickets (und dachten, wir würden also 2. Klasse reisen).

Nach dem wir das erledigt hatten, hatten wir auch schon wieder Hunger und gingen in den „Biergarten“ neben an. Eigentlich hätten wir ganz gerne Schaschlik mit „Kartofel Fri“ (also Pommes) gehabt. Das ging aber leider nicht, weil die in der Küche nicht ganz so flexibel waren, und Kartofel Fri nur mit Frikadellen servieren wollten.

Nach dem Essen ging’s zum berühmten (?!) Markt von Shymkent. Halbüberdacht, bundgemischt mit „Kleider-Sektionen“, Gemüse, Obst, Süssigkeiten, Sonnenbrillen, Fisch und Fleisch.

Wir haben beide je eine Sonnenbrille sowie ein russisches Tuch mit Blümchen erstanden.

Der Rest des Tages verlief interessant, aber nicht wirklich erzählenswert. Wir sind nach dem Markt noch eine Weile durch die Gegend gelaufen, um sozusagen das richtige „Shymkent-Feeling“ zu bekommen, gingen noch in ein von Lonely Planet empfohlenes Café, und erlebten da (Café-unabhängig) einen enormen Schreck als wir das erste mal unsere Zugtickets richtig anschauten.

Da stand nun beim Abschnitt für „Klasse“ ein „O“. Laut Lonelyplanet (ich mache hier keine Schleichwerbung oder so) übersetzt sich das mit: unreservierte Holzklasse.

Wir schluckten. Ich sah uns schon vor meinem inneren Augen in einem Wagon mit lauter Holzbänken, eingeklemmt zwischen Bauern und ihren Hühnern, für 17 Stunden.

Wir waren den Tränen nahe.

Nachdem sich die erste Lähmung gelegt hatte, kamen wir ins Grübeln: warum hatten wir mehr gezahlt (als für die Hinfahrt, obwohl die Strecke ja kürzer sein musste,) und trotzdem eine Klasse schlechter bekommen? Hatte man uns übers Ohr gehauen?

Nach eingehendem Studium der Fahrkarten kamen wir zufolgendem Schluss: unreserviert kann nicht sein, weil wir Sitzkartennummern haben…und es handelt sich um den „Schnellzug“, also „nur“ 12 Stunden Fahrt. (Darum auch teurer). 12 Stunden zwischen Hühnern ist nicht so schlimm wie 17 Stunden.

Wir waren ein klein wenig beruhigter, und gottseidank zu recht.

Als wir nämlich etwa zwei Stunden später in den Zug einstiegen, waren wir zwar in einem Sitzabteil (also kein horizontales Schlafen), aber das war nach 1. Klassestandards konzipiert. Breite Sitze, verstellbar, Decken vorhanden.

Glück gehabt!

Was lernen wir daraus? Man sollte sich sein Zugticket beim Kauf immer genau anschauen!

Die Fahrt selber war unspektakulär. Nach kasachischer Sitte gab es natürlich auch hier mehrere Fernseher und es lief irgendeine kasachische Comedy-Sendung (auf kasachisch) in dröhnender Lautstärke (auch typisch kasachisch).

Am nächsten Tag kamen wir gegen 10 Uhr in Almaty an… und das wars schon.  

Um die Reise noch mal kurz zusammenzufassen und zu „evaluieren“:  

Donnerstagabend 20 Uhr Abfahrt, Sonntagmorgen 10 Uhr Ankunft: das macht insgesamt 62h (wenn ich mich jetzt nicht verrechnet habe). Davon waren 17+3+12 Stunden reines Reisen, also ein bisschen über 50 %. Die restliche Zeit haben wir mit 15 % Busstation/ Bus/ Zugstation/ Hotel etc. finden verbracht, 10 % mit Essen, 5 % Lonelyplanet lesen, ca. 8 % nicht im Reisen einbegriffene Schlafzeit: Insgesamt 12% war also reines „Sightseeing“ und Touristenkram.

Das klingt wie eine recht mickrige Bilanz, aber eigentlich war es das nicht.

Man lernt beim Zufahren doch wesentlich mehr über das Land und die Leute als man das sonst wo könnte. Darum, für alle die mal eine Reise nach Zentralasien geplant haben (ich denke da an eine gewisse Familie Knöfel): Zugfahren is cool.

(Dh, wenn man die Hygienestandards mal ausser Acht lässt.)

Hierzu noch eine kleine Beobachtung zum Schluss:

Wer Platzkart reist, verbringt idR über 12h auf engstem Raum mit zig Leuten: Privatsphäre kann man sich da natürlich abschminken. Das ist für jemanden aus dem Westen eine ziemlich interessante Erfahrung (wie gesagt, wegen dem Leute kennen lernen und der inklusiven Kulturstudie) aber es ist vermutlich nichts, was sich bei uns jemals durchsetzten könnte.

Man merkt schon den krassen Mentalitätsunterschied: die meisten Leute hier sind Grossfamilien gewöhnt (Grosseltern, Eltern, Kinder alle unter einem Dach) und wir haben einfach mehr die Kultur von „jedes Kind braucht sein eigenes Zimmer“. Ich behaupte mal ganz kühn: die meisten aus dem „Westen“ würden einen Koller kriegen, wenn sie regelmässig auf diese Art und Weise reisen müssten.

Übertreiben wir es manchmal mit unserer Privatsphäre oder wären beispielsweise die Kasachen auch viel mehr Privatsphäre-orientiert, wenn sie denn nur die Möglichkeit dazu hätten?

Um meine Aussage von oben also in Frage zu stellen: ist das Bedürfnis nach Privatsphäre wirklich eine Sache der Kultur/Mentalität oder einfach nur der Möglichkeiten?

Mit dieser offenen Frage (die hoffentlich jeden in tiefes Nachdenken verfallen lässt) möchte ich mich verabschieden und allen noch eine geruhsame Nacht und eine schöne nächste Woche wünschen.

Ich freue mich, Sie alle bald wieder auf lenscheblog.de begrüssen zu dürfen!

Alles Liebe,

Eure Lena

 

1 Kommentar 30.3.09 07:09, kommentieren

Blogeintrag, der dritte

Ich habe das Schicksal herausgefordert – warum nur, frage ich mich, habe ich mich darüber beschwert, zuwenig Beschäftigung zu haben???

Man muss nur warten, und schwupps, hat man den Salat.

Jetzt hab ich grad eher zu viel als zu wenig zu tun. Aber irgendwie ist das ja auch angenehm, es wird zumindest nicht langweilig. Darum: diesmal keine Beschwerden sondern demütige Akzeptanz meiner diversen Aufgaben.

 

But first things first.

 

Die letzte Woche:

 

Das deutsche Generalkonsulat:

 

Weil ich nun mit 22 das erste Mal in meinem Leben wählen darf, muss natürlich auch alles sauber durchorganisiert sein.

Aus diesem Grund ging ich letzte Woche zum Generalkonsulat, um dort meinen Brief mit dem Antrag auf Wählerregistrierung (Europawahl) mit dem speziellen, hauseigenen Kurierdienst zu verschicken.  Es soll ja auch alles ankommen, und wenn das über die normale kasachische Post liefe, hätte ich da so meine Zweifel. (Nichts für ungut, kasachische Post!)

 

Ich war also furchtbar stolz, dass ich auch den richtigen Bus erwischt hatte und fuhr zum Konsulat.

Das Konsulat selbst liegt in einem Viertel am Rande der Stadt, wo ich den so ziemlich absurdesten Kontrast von Arm und Reich zu Gesicht bekam.

Es handelte sich um eine Mischung von ehemaligem Armenviertel (einstöckige windschiefe Holzhäuser) mit amerikanischer Vorstadt Idylle  (topmodernen, in europäisch-amerikanischem Stil gehaltene Einfamilienhäusern mit grossen Autos und diskreten Videoüberwachungssystemen).

Die Holzhäuser sahen grösstenteils unbewohnt aus (aber vielleicht fehlte ja auch nur die Elektrizität, man weiss es nicht), so dass ich den leisen Verdacht hege, dass die alle rausgeschmissen wurden damit die ausländischen Gäste und reichen Kasachen da ihre Häuslein bauen können. In der Gegend gibt es nämlich einen wunderbaren Blick auf die Berge.

 

Das deutsche Konsulat hat in mir dann auch prompt gewisse…ähm…Assoziationen geweckt.

(Ms. Oatgrain, ich sag nur: Skiurlaub)

Von aussen nettes Häusschen passend zur Berglandschaft, aber bei genauerer Betrachtung ein Hochsicherheitstrakt. Um es mal jugendlich-umgangssprachlich zu formulieren: überkrasse Security.

Ich stand vor dem Konsulat und wusste erstmal nicht so recht, wie ich da nun rein kommen sollte.

Irgendwie haben mich die Wachleute dann entdeckt und auf russisch gefragt, was ich denn wolle.

Weil ich immer noch nicht so ganz drin war in der Sprache habe ich mich auf ein einfaches „ich bin Deutsche, ich will jetzt ins Konsulat“ beschränkt. Das hat sie aber nicht übermässig beeindruckt – sie öffneten zwar mal das eine Törchen, aber ich musste mich trotzdem noch abscannen lassen, mein Handy ausstellen und abgeben, meine Tasche durchsuchen lassen und durch den Metalldetektor, bevor ich mit irgendjemandem reden konnte. 

 

Mir ist nicht ganz klar, warum die diesen Belagerungszustand haben. Hab ich irgendeine beleidigende Äusserung von Steinmeier, Merkel oder Köhler gegen Kasachstan verpasst? Oder, könnte man sich fragen, haben die guten Leute Angst, das Visa nach Deutschland geklaut werden?

Der Rest war unspektakulär – nach hin und her bezüglich ausfüllen des Formulars hab ich meinen Brief abgegeben und bin zurück. Das war die Konsulatserfahrung.

 

Kasachisches Fernsehen

 

Ich habe gut gelacht, als ich das erste Mal einen Fernseher anstellte, und in einen kasachischen Gerichtsaal blickte. Der Gerichtsaal kam mir wage bekannt vor (vom Stil her zumindest) und nach ein paar Minuten dämmerte es mir dann…ich war dabei (ausversehen!), mir das kasachische Äquivalent von Richterin Barbara Salesch/ Richter Alexander Hold anzuschauen. Wie lustig ist das denn?!

Wenn ein Land so eine Gerichtsshow produziert, dann zeugt das doch von ungemein…ähm… hohem Niveau.

 

Autos – welcome to the United States of America

 

Mir ist schon bewusst, dass ein Auto ein Statussymbol ist. Aber hier wird es manchmal ein kleines bisschen übertrieben. Etwa jedes 10. Auto was ich sehe ist ein riesen Schlitten, mit dem man locker über die Steppe preschen könnte (nicht das irgendeiner von denen jemals durch die Steppe preschen würde, da bin ich sicher.)

Das allerübelste sind dann aber die Jeep - Limousinen. Eine wahre Scheusslichkeit, aber aus irgendeinem mir völlig unverständlichen Grund beliebt für Hochzeiten.

Die Braut hat einen weissen Limo-Jeep und der Bräutigam eine schwarze Jeep-Limo.

 (Alles kleine Inspiration für alle, die demnächst heiraten wollen)

 

Freunde

 

Mir wird schon ganz weh ums Herz, wenn ich daran denke, dass Marlies Mitte April wieder nach Deutschland verschwindet.

Da hatte ich nun mein perfektes „Gspönli“ gefunden, und bald ist sie nicht mehr da.

Hoffentlich finde ich einfach ganz bald wieder jemanden. (Man drücke mir die Daumen.)

Kasachen habe ich zwar schon ein paar nette getroffen, aber über Small-talk geht das (noch) nicht hinaus.

Es verbindet einen, dass ist mir jetzt jedes Mal wieder aufgefallen, meistens einfach mehr mit anderen Ausländern. Oder wenn mit Einheimischen, dann nur mit solchen, die schon in einer ähnlichen Situation waren.

Es ist wohl nicht so sehr eine Frage der Mentalität als vielmehr gemeinsame Probleme, die verbinden.

(Das ist jetzt eine Theorie – Gegenargumente werden gerne entgegengenommen)

Diese Woche werde ich mal zum deutschen (und wenn ich ihn finde, englischen) Stammtisch spazieren, da finde ich dann vielleicht noch mehr Menschen, die dauerhaft etwas mit mir zu tun haben wollen.

 

Arbeit:

 

Wie gesagt, ich hab jetzt Arbeit. Und wie’s aussieht, auch ordentlich viel.

Einerseits ist da das Uni-Projekt, weiterhin mache ich noch Buchkorrekturarbeiten und zusätzlich findet nächste Woche an der Uni eine wissenschaftliche Konferenz zum Thema „die EU und Zentralasien: Strategien einer neuen Partnerschaft“ statt.

…und ich soll da eine ca. 10 minütige Präsentation liefern. (Es darf gelacht werden!)

Ach, und dann wollte ich ja noch russisch lernen und vielleicht etwas von der Stadt und vom Land sehen.

 

Ja, ja…

 

Nu, denn. Ich entschuldige mich für den verspäteten Blogeintrag (er ist mittlerweile schon etwas veraltet). Den Reisebericht (Turkistan, Shymkent) von letztem Wochenende gibt’s ganz bald

 

 

Liebe Grüsse,

 

Lena

 

1 Kommentar 22.3.09 04:18, kommentieren

Lena braucht Beschäftigung

Böser, böser Jetlag. Böser Jetlag! 5 Stunden sind ja eigentlich nicht so die Menge, nur leider geht’s für mich in die falsche Richtung. Geh in der MEZ schon immer erst um halb 2 ins Bett, das heisst für mich beträgt die Zeitverschiebung eher 6 Stunden.

Apropos, eine Frage an meine dear Ms. Oatgrain

Erklär mir mal was. Schlaf vor 12 Uhr is ja nun besser als nach 12 Uhr. Aber wenn man ein paar Zeitzonen weiter fliegt, dann ist 12 ja nicht mehr 12. Der Körper gewöhnt sich irgendwann dran, und man bekommt einen neunen Rhythmus, dh man hat ein neues 12 Uhr. ABER: (und hier die 2000 Euro Frage): wenn ich zu Hause immer regelmässig um halb 2 Uhr ins Bett gehe, dann ist für mich vielleicht halb 2 das, was für andere Leute Mitternacht ist?

Ein hoch komplexer philosophisch-biologischer Gedankengang, ich weiss. Wenn irgendjemand meine Frage verstanden hat, und vielleicht noch eine Antwort hat die er (oder sie, wir sind politisch korrekt) mir mitteilen möchte, wäre ich überglücklich!

So, es folgt eine kleine Zusammenfassung der ersten Tage und ein Bericht über das, was mir sonst noch so aufgefallen ist.

Am Mittwoch bin ich zur DKU gewatschelt. Hab mir vorher noch eine SIM-Karte geholt, und das erste Mal in meinem Leben Glück mit der Nummer gehabt. (Für alle die Geld vorig haben: +7777 810 80 70).

In der DKU musste ich erstmal eine Stunde warten, bis der Rektor, Herr Kramer mich empfangen konnte. Hab mir die Zeit im Computerraum vertrieben. Das Internet ist so langsam, man muss sich eigentlich ein Buch mitnehmen für die Intervalle, in denen eine Seite geladen wird.

Anyway, Herr Kramer war sehr nett, hat mich seinem „Team“ (2 studentische Hilfskräfte) vorgestellt, dann haben wir ein Termin für nächste Woche verabredet und er geleitete mich zum Sekretariat vom Präsi der DKU (damit ich Hilfe mit administrativem Zeugs hätte).

Der Rest des Nachmittags war dann ausgefüllt mit „Vorlesungsverzeichnis“ anschauen, Kurse raussuchen Fingerabdruck nehmen (jep, Fingerabdruck, um in den Compiraum reinzukommen…High Tech, was?!) und dem Versuch, einen Sprachkurs zu organisieren.

Problem Vorlesungen: es gibt nichts wirklich Juristisches. Es sollen aber demnächst (oder irgendwann) Gastdozenten aus Deutschland vorbeikommen, da krieg ich dann hoffentlich meine Scheinchen.

Der Jetlag schlug irgendwann nachmittags wieder ein, da musste ich gleich nach Hause.

Donnerstag hatte ich meine „erste Vorlesung“. (Habe fast geweint, als ich um 7.30 Kasachische Zeit also 2.30 MEZ aufgestanden bin.) Eigentlich hiess der erste Kurs ja „EU – Perspektiven, Struktur (und noch was anderes)“. Aber leider erklärte mir der Dozent (ein Deutscher, übrigens), dass der Kurs in Blockveranstaltungen abgehalten wird, und dass wir jetzt schon beim Thema Extremismus angelangt wären.

Kann man nichts machen. Ich habe dann die nächsten 3 Stunden über Globalisierung gebrainstormt und über Konservatismus, Liberalismus und Sozialismus gelernt.

Nicht uninteressant, aber leider (ohne arrogant klingen zu wollen, es ist für die anderen Studenten schliesslich auch ein Sprachproblem) nicht wirklich akademisch anspruchsvoll.

Der Dozent ist aber ziemlich gut, dass hat man gemerkt.

Danach, wie sollte es anders sein, schlug der Jetlag wieder ein und ich ging nach Hause um mich noch mal aufs Ohr zu hauen. Dort sass Galina nicht wie üblich vor dem Fernseher im Wohnzimmer, sondern mit der Nachbarin von oben in der Küche.

Ich hatte Kopfweh und wollte eigentlich nur schlafen, da klopfte es an meiner Zimmertür. Galina: ob ich denn Lust auf ein Schlückchen Vodka hätte (um schon mal prophylaktisch auf den Frauentag am Sonntag anzustossen). Dummerweise fiel mir nicht mehr ein, was auf russisch: „ich habe gerade eine Kopfwehtablette genommen und sollte vielleicht keinen Alkohol trinken“ heisst, darum hab ich freundlich gelächelt und bin mit in die Küche gegangen. (Liebe Eltern, es wäre extrem unhöflich gewesen, die hiesige Gastfreundschaft auszuschlagen.)

Die Nachbarin war furchtbar nett. Ihre Tochter studiert in Köln (Übersetzerin), ist in meinem Alter und heiratet demnächst. Das erste Mal seit ich hier in Kasachstan bin, hatte ich eine längere Unterhaltung auf russisch (von der Unterhaltung mit Sascha dem Fahrer mal abgesehen), und es ging gar nicht so schlecht. Habe unendlich viele Fehler gemacht und mir ist die Hälfte der Worte entweder nicht eingefallen, oder zumindest nicht die richtige Genitiv Plural Endung – aber ich konnte kommunizieren.  

Die Nachbarin habe ich auch wirklich gut verstehen können. Es liegt wohl zum Teil auch an Galina, dass wir so Verständigungsprobleme haben. Sie schafft es irgendwie nicht so recht, einfache Sätze zu bilden.

Aber egal, wir stiessen also auf den Frauentag und uns an, und ich wurde genötigt viel zu essen. (Weil ich bin ja so klein und zart…hat zumindest die Nachbarin behauptet).

Wer auch immer gesagt hat, Kopfwehtabletten und Alkohol vertragen sich nicht, hat geschummelt. Ich habe selten so gut geschlafen.

Es ist jedenfalls ganz lustig. Die Nachbarin schien mich echt zu mögen, und seitdem ist Galina auch definitiv interessierter an mir. Sie redet zwar immer noch nicht übertrieben viel, aber ich scheine eine gewisse Anerkennung gefunden zu haben. Aber vielleicht stelle ich mir das mit dem „Gütesiegel“ der Nachbarin auch nur vor. 

Am Abend (wenn ich jetzt nicht die Tage durcheinander bringe), bin ich mit Marlies ins Café Delia. Gelobt seiest du, Lonleyplanet. (Für Grosspapa, Mama und Papa: Lonleyplanet ist ein Reiseführer).

Cafedelia, nämlich von Lonelyplanet empfohlen, ist zwar nicht ganz billig, aber dafür hat man kostenloses Wireless Internet! Und keiner schmeisst einen raus, wenn man 4 Stunden an ein und demselben Glas Wasser nippt. Ausserdem versammeln sich dort die ganzen Expats, die Stimmung ist also schon fast europäisch-international.  

Dort waren wir dann bis abends spät, haben geplaudert und uns ein Stück Torte geteilt. (Zu den Torten komme ich später noch).

Freitag hatte ich eigentlich vor, zu einer russischen Vorlesung zu gehen. Aber: böser, böser Jetlag. Ich habe völlig verschlafen. Um mir selbst das schlechte Gewissen zu nehmen, habe ich es als Zeichen von oben gedeutet. Schliesslich habe ich seit ich hier bin noch keinen einzigen Tag nur zu Hause verbracht. (Andererseits würde ich dann vermutlich auch vor Langeweile sterben, also zieht die Entschuldigung nicht ganz).

Weil ich eh verschlafen hatte, dachte ich mir, jetzt aber richtig, und habe bis 14 uhr durchgeschlafen. Gegen vier Uhr bin ich ins Cafedelia, und hab da ein paar Stündchen mit Chillen und Skypen verbracht.

Heute, Samstag, war Discovery Day.

Das Wetter war die letzten Tage so schön, und man konnte den Frühling schon um die Ecke lugen sehen. Heute morgen hat sich dann der kasachische Petrus (nennen wir ihn Pjotr) dafür entschieden, mir noch mal den Winter hier zu zeigen.

Als ich aufwachte und auf die Strasse schauen wollte, hatte ich ein kleines Déjà-vu Erlebnis: wo is denn nu die Stadt? Alles war nebelig, da hab ich mich aus Verzweiflung noch mal bis 11 aufs Ohr gehauen.

Marlies und ich sind dann um 12 Uhr auf die Strasse (immer noch fieses Wetter) und zur „Mall“ (Für Grosspapa, und ev. Mama und Papa: das ist ein Einkaufszentrum) gelaufen.

Die Mall war ein Schock (ein positiver). Von Russland kenne ich schon diese „Einkaufszentren“. Das sind meistens mehrstöckige Gebäude, in denen es aber kaum Läden, wie wir sie kennen, gibt. Es ist vielmehr so was wie eine Markthalle, mit durch Plastikstellwände abgetrennte „Verkaufsräume“.

Diese Mall aber war und ist anders. Ich kam mir schon fast nach Amerika gebeamt vor.

Ringförmig angelegte Etagen (so dass man von unten hoch und von oben nach unten schauen kann), ca. 3-Stöckig, mit „richtigen“ Geschäften (Lacoste, Swatch, etc etc….so viele Markenläden wird Winterthur im Leben nie haben), ein Kino und…ein Food Court!

Da haben wir unser Mittagessen (Schrägstrich Frühstück) zu uns genommen und nebenbei den Kids auf dem Eis (in der Mitte ist nämlich eine kleine Eisbahn) zugeschaut. Es lief grade eine Show, und 7 bis 12 Jährige Mädels und Jungs sind in ihren Kostümen mehr oder weniger elegant übers Eis geschlittelt.

Danach sind wir zum „Bahnhof“ um uns mal nach Zugtickets nach Astana (Kasachische Hauptstadt) zu erkundigen. Die Dame hinterm Schalter war ganz nett, obwohl sie nicht so recht glauben wollte, dass wir tatsächlich nur mit „Platzkart“ reisen wollten. (Es heisst wirklich auch auf russisch Platzkart(e) und ist die billigste Art zu reisen. Im Grossraumwagen halt). Ausserdem hat sie (es war ja klar, dass wir Ausländer sind) versucht „englisch“ zu sprechen. Anstatt „da“ hat sie „yes“ gesagt, und anstatt „odin“, „one“.

Ach ja. Bevor wir am Bahnhof waren, sind wir noch kurz über einen Mini-Markt gelaufen.

Das war…interessant.

Ich möchte es so sagen: für einen Hygieneinspektor gäbe es, je nach Alter, Temperament und Gemüt, verschiede mögliche Reaktionen. In Frage kommen folgende: stummes Entsetzen, lautes Schreien, Ohmacht oder langfristiges Trauma.

Ich weiss, es klingt jetzt alles westlich überheblich, und so ist es sicherlich nicht gemeint. Aber ich muss das einfach schreiben, weil es mit dem, was wir gewöhnt sind schlicht nicht vergleichbar ist.

Gemüse und Obst waren nicht in bestem Zustand, aber das schockiert nicht. Auch die in Plastikflaschen abgefüllte (wie wir denken) gegorene Stutenmilch war nicht weiter erschreckend.

„Befremdlich“ war das Fleisch.

Das Fleisch lag nämlich offen auf Tischen, zum Teil auf Stoffdecken und zum Teil hing es über den Tischrand. Das konnte nur noch getoppt werden von dem ca. halben Meter langen Stück Fleisch, dass doch tatsächlich auf der Kühlerhaube eines Autos lag.

Man muss die Leute für ihren Magen bewundern.

Fotos zu machen habe ich mich nicht getraut. Man will ja kein Tourist sei.

Zurück zum Tagesablauf. Nach dem Besuch im Bahnhof haben wir noch in einem anderen Einkaufszentrum vorbeigeschaut und sind dabei am UNO-Gebäude vorbeigekommen. Mir traten vor Freude die Tränen in die Augen und ich musste gleich ein Foto machen. Das hätte ich aber glaube ich nicht tun sollen, denn der Typ vor dem Eingang fing so komisch an mit der Hand zu wedeln. Da haben wir das weite gesucht.

Im zweiten Einkaufszentrum haben wir uns dann noch ein Stück Torte gegönnt, und sind dann wieder nach Hause.

Nach zwei Stunden zu Hause, inkl. Borschsch (Kohlsuppe, sehr lecker), ging es weiter.

Wir sind ins Kino und haben uns so einen Hollywood film auf russisch angeschaut. Keine Ahnung wie er auf deutsch heisst. Auf russisch übersetzte wäre es „Krieg der Bräute“. Der Film war gottseidank so anspruchslos, dass sogar wir das meiste (zumindest non-verbal) verstanden haben.

Danach heime, und jetzt sitz ich wieder hier auf meinem Bett. Habe vorhin eine glückliche Entdeckung gemacht. Ich habe nämlich in einem Zimmerwinkel ein ungesichertes Drahtlosnetzwerk entdeckt. Es funktioniert zwar kaum aber manchmal reicht es um zumindest ganz kurz die E-Mails runter zu laden.

So, und nun noch ein paar ganz kurze Beobachtungen zum Schluss.

Nase putzen:

Die Sache mit dem „Naseschneuzverbot“ ist wirklich eine Schweinerei. Die Leute spucken nämlich völlig ungehemmt auf die Strasse. Da hab ich beschlossen, Ausländer zu sein und mutig mein Taschentuch zu verwenden. Um einen meiner Lieblingsätze zu verwenden: „ich sehe das gar nicht ein.“

Westliche Kultur:

Meine drei persönlichen „Highlights“:

Im einen Einkaufszentrum sah ich doch tatsächlich im Food Court einen „King Burger“. Ich wette, „King Burger“ verletzt überhaupt gar keine Markenrechte. Ne, ne….

Mein zweites „Highlight“ war eigentlich mehr ein Schlag in den Magen.

Als wir nämlich einen CD laden durchstöberten, stiessen wir auf etwas, was dringend auf den Mond geschossen werden sollte: die CD von Dieter Bohlen und Mark Medlock.

Das ist so ziemlich das schlimmste, was man im Ausland an eigenem „Kulturgut“ entdecken kann, darum hat mich die DJ Bobo CD daneben vergleichsweise kalt gelassen.

Das dritte Highlight war ein Laden: Fashion by (die Spannung steigt) J-LO. Wie hat Jennifer Lopez es geschafft, fragen wir uns, eine Filiale in Almaty zu eröffnen?

Busfahren:

Busfahren ist wahrlich ein Abendteuer. Es gibt keine Zeitfahrpläne, es gibt keine Haltestellenpläne und es ist völlig unklar, welcher Bus von wo wohin und wie lange fährt.

Andererseits lassen sie einen auch mal zwischen zwei Haltestellen raus, wenn man freundlich fragt. Einmal hatte ich meine Haltestelle verpasst, da hat er auch extra gehalten.

Wieder andererseits fahren sie auch schon los, wenn man noch ein Bein ausserhalb des Busses hat.

Die Busse selber sind ein Sammelsurium aus verschiedensten Ländern. Ich habe schon umfunktionierte deutsche Reisebusse gesehen – ein Stückchen Heimat.

Torten:

Es gibt hier so unglaublich leckere Torten in den Cafés. Zuckrig weiss, mit Früchten und Schokolade. Erstens sind die aber ganz übelteuer und zweitens kann man ein ganzes Stück sowieso nicht alleine essen. Darum teilen Marlies und ich uns jetzt bei Gelegenheit immer ein Stück. Wir gedenken auch ein Tortenranking aufzustellen. Mal sehen.

Sicherheit:

Für alle, die sich Sorgen machen. (insbesondere Mama, Papa, Grosspapa und Chantal)

Ich kann eine ziemliche Entwarnung geben.

Soweit ich das gesehen, gehört und gelesen habe, ist die Kriminalitätsrate wesentlich niedriger als in anderen Grossstädten (wie z.B. London, Paris oder New York), in denen ich mich schon rumgetrieben habe.

Ausserdem sehe ich gegen die ganzen „Gucci-Taschen-Pelzmäntelchen-Miniröckchen-10cm-Lackstiefelchenabsätze“-Frauen völlig blass aus. Zum einen, weil mich keiner (trotz Lippenstift, Papa! zweimal anschaut, und weil mir einfach ganz klar die Aura des Geldes fehlt.

Insofern bin ich also für jegliche Art von Raubüberfall völlig ungeeignet.

Des Weiteren lebe ich in einer ziemlich sicheren Gegend, fast im Zentrum. Es ist immer genug los, so dass man nicht alleine ist, aber nicht zu viel, als das man in der Menge beklaut werden würde.

Kopftuch tragen auch nur ganz wenige alten Babuschkas, ich muss also nicht mein Haupt bedecken.

Fazit.

Ich merke, ich brauche eine gewisse Gewöhnungszeit. Und unterbeschäftigt war ich die letzten Tage (bis auf heute) eigentlich auch, und das hat mich ziemlich nervös gemacht.

Je mehr ich aber von Almaty sehe, desto mehr gefällt’s mir und desto spannender (und manchmal unterhaltsamer) finde ich auch meinen Aufenthalt.

Also alles gut bei mir, keine Sorge.

Nu, dass ist wirklich genug. Wenn ich noch länger schreibe, liest es wahrscheinlich keiner mehr meinen Blog.

Liebe Grüsse an alle,

eure Lena

PS: Habe Geldautomaten gefunden, der meine Sparkassenkarte akzeptiert. Schwein gehabt.

PPS: Wer über meine grausige Komasetzung und sonstige sprachlichen Fehler entsetzt ist, soll sich bitte vertrauensvoll an eine gewisse M. Haferkorn wenden. Die macht nämlich normalerweise meine Korrekturen, aber den Blog wollte ich ihr jetzt doch (noch) nicht zumuten.

3 Kommentare 8.3.09 10:46, kommentieren

hmm...

Sorry für die Formatierung. Entweder Fliesstext oder riesen Zeilenabstand…und letzteres is vermutlich noch angenehmer zum lesen.

5.3.09 07:28, kommentieren

Zürich – Prag – Kasachstan

Abflug um 19.15, aber wir, mit dem Sicherheitsgen (ich sag nicht von welcher Seite das Gen stammt) behaftet, waren natürlich zwei Stunden vorher am Flughafen.

Und da fingen die Schwierigkeiten auch schon an….

Obwohl ich ja notorischer Übergepäckler bin, hatte ich es dieses Mal auf einen ca. 19 Kilo schweren Koffer reduzieren können – eine Glanzleistung (und mein persönlicher Rekord) die Anerkennung verdient, möchte man meinen. Aber nix da.  

Mit der am Flughafen gekauften Schokolade kamen noch ca.2 Kilo dazu, womit ich auf 21 Kilo war…was unter normalen Umständen ja eigentlich kein Problem hätte sein sollen.

 

Nicht so aber mit dem „netten Fräulein“ vom Czech Airline Check-in. Um es kurz zu machen, sie erklärte mir, das eine läppische Kilo würde mich 17 Fr kosten. Und sie wollte das eine !läppische! Kilo auch nicht unter den Tisch kehren, weil es gibt ja Vorschriften! Papa knallte also den 50er auf den Tresen, aber so einfach war es natürlich nicht.

Wir mussten zum Ticket Center. Dort erklärte uns ein älterer Herr, dass es in Wirklichkeit 47 Franken kosten würde, und die Dame vom Check-in solle sich wegen des einen Kilos nicht so anstellen (wir applaudierten alle innerlich). Zurück zum Check-in: wir erklärten nun dem netten Fräulein, dass Lena gerne ihren Koffer zurück hätte (um Gepäck rauszuholen) – weil 47 Franken ist wesentlich mehr als 17!

Dummerweise (also vermeintlich dummerweise) ging das aber nicht mehr, weil sie den Koffer schon losgeschickt hatte, „sie könne jetzt auch nichts machen.“

Grosse Empörung auf der andere Seite des Desks – Mama, Benji, Bettina und Papa reklamierten. Es blieb für mich leider nur noch der Posten als „Guter Bulle“. (Es lebe die Diplomatie)

Im Endeffekt hat sie dann ein paar Telefonanrufe machen müssen, und das eine (läppische) Kilo (was sie ja angeblich hätte berechnen müssen) aus dem System genommen. Warum nicht gleich so?

Entschuldigt hat sie sich nicht, aber immerhin noch gefragt ob ich am Fenster oder Gang sitzen möchte.

 

Danach blieb auch gar keine Zeit mehr um irgendwas trinken zu gehen: Verabschiedung von Mama, Papa, Benji, Corina und Bettina (Lena heult) und ab durch die Passkontrolle und zum Gate.

 

Flug nach Prag lief reibungslos, und Brötchen war essbar.

In Prag hatte ich 90min Aufenthalt, die ich vor allem damit zubrachte meine Mitreisenden in der Wartehalle beinah unauffällig unter die Lupe zu nehmen. Ich kam mir jedenfalls vor wie der arme Schweizer. (Alle hatten sie Pelzchen, Louis Vuitton Täschchen und Duty free Shopping Tüten ohne Ende).

 

Als wir dann ins Flugzeug kamen, lächelte mich die erste Versuchung an: eine hübsche rote Decke und ein entzückendes Mini-Kissen, beides extrem reisetauglich und meinen grössen Verhältnissen entsprechend.

 

Dann die zweite Versuchung: als Essen serviert wurde, gab’s kein Popels Plastikbesteck, sondern richtiges, echtes Metallbesteck, Messer und Gabel in Miniatur. Miniatur hat mich schon immer begeistert, und ich musste mich wirklich beherrschen, das Besteck nicht gleich in der Tasche verschwinden zu lassen.

 

Um das Ende vorwegzunehmen: ich hatte zwar das Besteck versteckt, aber mich am Ende doch nicht getraut (ich Feigling). Wer weiss, wenn ich da noch durch einen Metalldetektor geschickt worden wäre, hätte man mir vielleicht die Einreise verweigert.

 

Ansonsten lief der Flug recht ereignislos. Der Mittelsitz war Gott sei Dank frei, und ich habe ihn auch gleich okkupiert, in dem ich unauffällig meinen Mantel und mein Buch drauflegte und mich später selbst darauf breit gemacht hab. (Für alle Leute die Witze über kleine Leute machen: wer von euch kann sich quer auf zwei Flugzeugsitze legen und gemütlich schlafen?!)

Irgendwann hab ich meiner Sitznachbarin in einem Anflug von Grosszügigkeit angeboten, dass sie auch für eine Weile zwei Sitze haben könnte. Wollte sie aber nicht. Sie wirkte eh ein bisschen humorlos, da kann man nix machen.

 

Als wir über Almaty anflogen, war ich ziemlich beeindruckt. Glücklicherweise sass ich auch auf der richtigen Seite, nämlich da wo’s Gebirge ist.

Da zieht sich also so ein Gebirgsstreifen an der ansonsten total flachen Ebene entlang, und überall sind riesige Felder und ab und an komisch geformte Flüsse und Seen. Selbst für jemanden der eigentlich an die schöne Bergwelt gewöhnt ist, toll. (Föteli kommen noch)

 

Lustig war noch, dass ich Almaty gar nich gesehen hab.

Wir kamen dem Boden immer näher, und ich dachte mir: wo ist denn nu die Stadt?

Und auch als wir landeten, sah ich erstmal nur das eine oder andere Flugzeug, und der Rest war Steppe. (Zugegeben, es war unten ein bisschen nebelig)

 

Passkontrolle – the usual, wie in Russland. Alle hübsch in Uniform mit den entsprechenden Hüten, Käppchen, Berets. Larissa, „meine“ Grenzbeamtin und Passkontrolleurin verzog keine Miene und war völlig unbeeindruckt über meinen halbherzigen Versuch zu lächeln.

 

Nach dem ich meinen Koffer vom Band gehievt hatte und nach draussen lief, wurde ich erstmal von einer Meute von Taxifahrern überfallen. Ich konnte mich grade noch so eben zum rettenden Schild „DKU“ durchkämpfen.

Sascha (mein Fahrer) und ich haben dann auch gleich erstmal Freundschaft über einer Zigarette Parisienne geschlossen.

Beim Unterhalten (oder zumindest beim Versuch des Unterhaltens) hab ich leider merken müssen wie grässlich schlecht mein Russisch im letzten Jahr geworden ist. Hoffentlich kommt’s zurück.

 

Etwas übermüdet, weil im Flugzeug schläft es sich nicht ganz so gut wie auf der Matratze, fuhren wir los gen Stadtzentrum.

Ich musste mir ein Grinsen echt verkneifen, als ich überall riesige Plakate mit dem kasachischen Präsidenten (mal freundlich lächelnd mit Kindern und Berge im Hintergrund, mal ernst und staatsmännisch mit Orden) sah. Propaganda, Scheindemokratie? Ach quatsch!

 

Ansonsten sind die Aussenbezirke von Almaty schon ziemlich runter gekommen. In Russland sah es in manchen Gegenden ja auch nicht so dolle aus, aber hier ist das noch einen Zacken schärfer.

 

Im Zentrum von Almaty herrscht Verkehrsanarchie. Apropos: für eine Sekunde dachte ich, als wir am Flughafen ins Auto einstiegen, dass man in Kasachstan links fährt. Ist aber nicht so, nur Sascha hat ein aus Japan importiertes Auto. Lustig!

Ja, die Verkehrsanarchie...Gehupe und jeder fährt wie er will. Motto: Grün ist relativ!  

 

Zu meiner Unterkunft: Aussen pfui, innen eigentlich sehr nett! Hausfassade und Treppe sind schäbig und schmutzig und der Lift im Haus hat max. 1 qm und ist um die 100 Jahre alt. Jeder der mich kennt, weiss wie unsportlich ich bin, aber ich laufe lieber acht Stockwerke!

Die Wohnung von Babuschka Galina ist aber für die hiesigen Verhältnisse recht gross und ordentlich.

Babuschka Galina selbst ist ganz nett aber resolut. (Sie wollte gemeinerweise auch nicht mit der Miete runtergehen, was nicht so toll von ihr is). Wenigstens hab ich das grösste Zimmer in der Wohnung, sogar mit Doppelbett und Fernseher. (keine Ahnung ob der funktioniert) und Balkon vor der Nase. Sehr hübsch.

 

Hab was gefuttert, geduscht, ein paar Stündchen geschlafen und dann Claudia angerufen. (die hat mir das Zimmer organisiert und mir den Fahrer vorbei geschickt.)

 

Claudia sagte, ich solle um 18 Uhr mal zur DKU kommen, und das hab ich dann auch gemacht. Habe sehr gelacht als ich durch die Eingangshalle schritt. Da hingen nämlich, neben dem Bild des kasachischen Präsidenten (ist Pflicht in Bildungseinrichtungen…so was hat noch nicht mal Putin geschafft, Respekt!), auch das Bild einer gewissen Angela M. und das eines Horst K.

(Was die können, können wir schon lange?!)

 

Ja, Claudia ist sehr nett, hat mich zur Wechselstube geschleppt und mir gesagt wo ich morgen eine SIM-Karte kaufen kann. Danach sind wir in eine kleine Kneipe gegangen, wo wenig später ihr Freund (auch total netter Typ) und Marlies (nette Praktikantin) zu uns stiessen.

 

Haben geplaudert und ich hab alle mit Fragen gelöchert. Es gibt hier wohl einen Fauxpas, der noch richtig problematisch für mich werden könnte. Es ist nämlich so, dass man sich in der Öffentlichkeit nicht die Nase schnäuzen darf! (Und das bei meiner ständig laufenden Nase!) Ist wahrscheinlich das kasachische Äquivalent zum in der Nase bohren.

 

Jetzt bin ich wieder bei Babuschka Galina, sitze auf meinem Bett und die Katze läuft ab und zu in mein Zimmer und macht ein riesen Geheul. Entweder ihr ist echt langweilig oder ich weiss auch nicht was mit ihr los ist. Der Vogel in der Küche tut mir ein bisschen leid, der lebt nämlich in einem Winzlings-Käfig auf dem Kühlschrank. Wenigstens sorgt er aber morgens für Frühlingsstimmung.  

 

Alles in allem kein schlechter Anfang. Hab schon eine Verabredung für den 20.März mit Marlies (Oper, Schwanensee) und wir haben uns überlegt, auch mal zusammen reisen zu gehen.

 

Was gibt’s noch zu erzählen? Die Zeitverschiebung ist 5 Stunden (du hattest Recht, Grosspapa) und der Eurokurs ist günstig.

 

Weder meine Sparkassenkarte noch mein ZKBkärtchen haben funktioniert. Ich hoffe, dass das kein grösseres Geldproblem wird. Ansonsten wär ich dann in ca. einem Monat zurück.

 

Das ist es für heute. Liebe Grüsse an alle und hoffentlich bis bald auf Skype (wenn ich denn mal ein internet-Cafe finde)

 

1 Kommentar 5.3.09 07:05, kommentieren